Erster Auftrag

12.01.2070

Da war ich also. Mitten in Seattle, nach einer langen, alkoholhaltigen Silvesterfeier, auf der ich niemanden kannte und auch niemanden kennengelernt habe. Eigentlich war ich auch nur da, um nicht ganz allein in der Absteige zu sitzen. Zwei Wochen bin ich jetzt hier, weg von den ADL. Hm.

Klar, über meinen Bekannten Frank habe ich auch ein paar Leute hier kennengelernt, aber das war eher auf beruflicher Ebene. Privat sitze ich auf dem Trockenen. Keine Ahnung, ob das gut ist. Wohl eher nicht.

Dann kam ein Anruf von einem meiner neuen Kontakte. Er würde jemanden kennen, der Aufträge vermittelt. Gut, dachte ich mir, rufst du an und siehst, was bei raus kommt. Es wurde dann auch schnell ein Treffen vereinbart und anscheinend habe ich "Carlos" Anforderungen genügt. Denn einige Tage später, am 01.01. kam dann auch eine Einladung ins Haus geflattert, mich doch bitte im "Farout", einem gehobenerem Etablissement einzufinden. Beinahe hätte ich es verschwitzt, passende Kleidung anzuziehen, aber im letzten Moment habe ich noch meinen alten Anzug aus dem Schrank gefischt.

In diesem Laden ging es sehr gesittet zu, selbst die Wach-Orks trugen feinstes Geschmeide und waren zuvorkommend. Nach Nennung der Losung wurde ich dann auch zu einem Separé geleitet und bin dort auf die anderen, zukünftigen Teammitglieder getroffen. Hab' sie mir etwas genauer angesehen, natürlich so unauffällig wie möglich, aber da ich wohl selbst gemustert wurde, wäre es sowieso egal gewesen, ob ich es heimlich tue oder nicht. Ein Ork mit auffälligem Tattoo, der mir als Twist vorgestellt wurde und drei Norms, zwei davon vermutlich Streetsams, Streetdog (passend, da mein Straßenname Coolcat ist) und Ghost. Und Krownik, der sich als Mage herausstellte. Kurz darauf erschien dann der Johnson mit zwei Schränken, die sich unauffällig im Hintergrund hielten. Er erklärte uns, worum es im Großen und Ganzen ging: Zwei Transporter, die Datenchips und ein paar Reagenzien transportieren in je einem Koffer pro Transporter. Geringer Sicherheitslevel und er konnte uns sogar einen Punkt nennen, wo beide Transporter leicht abzufangen wären, ohne das es viel Aufmerksamkeit erregen würde. Die Bezahlung war nicht das beste, was mir je angeboten wurde, aber angesichts meiner leeren Kasse nahm ich an und die anderen schienen ähnlich verzweifelt zu sein, auch wenn sie es genauso wenig wie ich offen zeigten. 5000 Nuyen, 2000 sofort, den Rest nach Lieferung. Nach dem wir zugesagt hatten, bekamen wir genauere Unterlagen und konnten uns im Separé noch ungestört weiter absprechen. Nach der Durchsicht der Daten und ein paar grundlegenden Überlegungen wurde für den nächsten Vormittag eine Erkundungsfahrt beschlossen. Wie gut das ich den Bulldog immer gut sauber gehalten habe.
Also am nächsten Morgen die anderen an der U-Bahnstation Snowhomish eingesammelt und die Route nach Norden gefahren. Die Transporter würden nämlich jeweils von Norden und Süden zu einem gemeinsamen Ziel unterwegs sein, aber sich wohl vorher nicht wirklich treffen, so das wir sie getrennt abfangen müßten. Zuerst verlief die Fahrt recht ereignislos. Krownik, der Mage, machte irgendwelchen Rituale und ich habe auch nicht weiter gefragt, was er dort tut. Er saß nur vor sich hin murmelnd und leicht mit den Händen wedelnd im Fond. Die anderen schauten sich die Gegend an und machten sich Notizen oder prägten sich die Gegebenheiten so ein. Ich ließ die Aufzeichnung vom Navi mitlaufen, da ich zu dem Zeitpunkt auf Handsteuerung fuhr, da ich sowas recht gern mache. Aber dann wurde es plötzlich interessant. Eine der örtlichen kleinen Gangs dachte wohl, das wir ein Touri-Grüppchen sind, da ich nicht unbedingt sehr schnell fuhr. Jedenfalls setzten sich plötzlich je zwei Ganger-Bikes links und rechts neben uns. Da ich mit den Gegebenheiten in Seattle noch nicht so vertraut war und nicht wußte - das hätte man mir auch vorher sagen können -, das die für ein paar Nuyen Ruhe geben, versuchte ich die zwei rechts von mir abzudrängen, aber ich war wohl nicht schnell genug, denn ausser etwas Geschlingere des einen kam nicht viel bei heraus. Aber das war für die Ganger wohl Anreiz genug, mir den Lack mit einer Kugel zu zerkratzen. Meine Jungs im Bulldog waren schon vorher nervös geworden - nervös im Sinne dessen, das sie es nicht abwarten konnten, das Action aufkommt. Ghost, der auf dem Beifahrersitz fuhr, zischte mir zu, das ich auf "Jetzt!" die Fenster öffnen sollte. In der Zwischenzeit waren zwei der Bikes nach vorn geprescht und hatte sich vor mich gesetzt und bremsten ab, um mich zum halten zu bringen. Nachdem alle ihr OK gegeben hatte, gab mir Ghost das Zeichen und was dann passierte alles sehr schnell. Fenster auf, einem der Biker platzte nach einer Salve der Schädel, dem Biker auf der anderen Seite erging es unwesentlich besser und die noch rollenden Bikes mit ihren beiden Schützen krachten in die Botanik. Da die Bikes vor mir plötzlich sehr stark bremsten, hielt ich einfach drauf. Ein kurzes Ruckeln war das einzige, was uns darauf hinwies, das wir gerade vier weitere "Jungs" geplättet hatten. Auf Streetdogs "Halt!" bremste ich scharf ab und setzte zurück. Aber ausser einigen blutigen Klamotten fand er dann doch nichts verwertbares.
Wir setzten die Fahrt fort, wenn sie ab da auch eher wieder etwas langweilig wurde. Twist, unser Ork, informierte uns eher beiläufig, das er noch gute Kontakte zu einer Gang im Süden Seattles hatte. Das kam uns gelegen. Denn solang wir im Norden zugangen waren, würden die Ganger im Süden für genügend Stress sorgen, so das der zweite Transporter nur langsam voran käme. Nach dem wir die gesamte Strecke abgefahren waren und auch im Süden nach passenden Stellen Ausschau gehalten hatten, stellten wir fest, das die vom Johnson genannten Stellen wirklich der optimalste Punkte auf den Strecken war, wenn auch nicht der optimalste Hinterhalt schlecht hin. Dazu machten wir ihn dann erst, in dem wir beschlossen, Straßensperren in Form von Schuttcontainern auf die Straße zu schieben und Twist als Patrouille den Transporter aufhalten zu lassen. Wir überlegten auch, wie wir die Sicherheitsleute aus dem Transporter bekommen sollten und hatten allerlei Ideen. Letztendlich war aber alle Planung umsonst, denn es wurde ein wahrer Spaziergang. Über einen Decker von Streetdog bekamen wir heraus, das die Transporter ausser sehr leichter Panzerung nicht geschützt waren und auch die Sicherheitsleute an Bord nicht viel mehr als Kuriere waren.
Als es dann soweit war, wollten wir eigentlich trotzdem unseren Plan durchziehen, für alle Fälle. Es gibt immer wieder Helden. In dem Fall nicht. Es ging sogar ZU leicht, denn nach dem unser Mage sich die sehr bereitwillig ausgestiegenen Wachleute sondiert hatte, kam heraus, das diese sogar den Auftrag hatten, keinen Widerstand zu leisten. Viel mehr waren sie sogar informiert, das wir kommen. Das gefiel uns gar nicht. Wir fuhren so schnell wie möglich zum zweiten Transporter, der auch nur zu bereitwillig der Gang nachgegeben hatte. Unser Mage hatte noch einen seiner magischen Freunde vor Ort gelassen, der ihn informierte, das einer der Wachleute später einen Anruf getätigt hatte, der unsere Vorahnung und die Sondierung bestätigte.
Interessant wurde es dann, als die Ganger einen der Transporter als Bezahlung mitgenommen hatten und wir uns wieder in die City aufgemacht hatten. Zwei der Jungs bekamen Anrufe von vermutlich Greenwar-Aktivisten, die jede Menge Kohle springen lassen wollten um an die Koffer zu kommen. Der Inhalt dieser sollte wohl eine neue Wunderwaffe gegen Metas darstellen. Aber wir waren nicht SO scharf auf das Geld, sondern für den Anfang eher auf gute Reputation. Also haben wir den Johnson angerufen, ihm gesagt, das wir die Ware haben und gefragt, wo wir uns treffen könnten. Natürlich wieder das "Farout." Diesmal war es eingedenk der Uhrzeit - gegen 8 Uhr morgens - weniger voll. Wir tauschten Ware gegen Geld und da Krownik wohl noch einen Einfall hatte, unterbreitete er dem Johnson das Angebot, gegen entsprechende Bezahlung Informationen über die beiden Anrufer herauszugeben. Auf unser weitergehenden Angebot, uns auch um diese zu kümmern, ging der Johnson nicht ein. Wir verabschiedeten uns und gingen erstmal unserer Wege.

Eine Woche später bekam ich wieder einen Anruf von Carlos. Diesmal sollte ich mich zu so einem Technoschuppen in einer der Low-Areas begegeben. Gut, wenigstens konnte ich da in Freizeitklamotten auftauchen. Ich ging, wie eigentlich immer, ohne Waffen rein, was sich im nachhinein als.. weniger gut erwies. Ich traf an der Bar wieder auf "meine" Jungs, die ich zwar nicht überschwenglich, aber doch freundlich begrüßte. Wir wurden nach und nach von einem Elfen in einen hinteren Raum geführt, wo dann auch ein Zwerg zu uns stieß. Er stellte sich später als Hugo vor. Ich habe keine generellen Antipathien gegen Zwerge, sind zähe kleine Burschen. Aber dieser war.. anstrengend. Er musterte uns herablassend und brummelte etwas von "unprofessionell", "keine Waffen" und ähnlichem. Ich schenkte ihm keine größere Beachtung. Als der Johnson auftauchte, wurden wir aber ruhiger und ließen uns den Auftrag erklären. 14.000 für jeden, einen Gruppen-Vorschuss von 5000 für Spesen und einem - wieder - viel zu leicht klingenden Ziel. Ein recht freistehendes Firmengelände, von einer Mauer umgeben, zwei Gebäuden und dem Auftrag, in das Hauptgebäude einzudringen, sensible Daten zu löschen und danach das Gelände dem Erdboden gleichzumachen, nach Möglichkeit in Form eines "Unfalls." Hm. Das rein und rauskommen sollte kaum ein Problem sein, nur der "Unfall" könnte interessant werden. Wir fuhren noch am selben Abend vorbei, um uns das ganze anzusehen. Der Zwerg wollte unbedingt mit seinem Bike fahren und fuhr dann auch die meiste Zeit allein vor uns her.
Am Zielort angekommen, parkte ich in einer Seitengasse, da das Gelände im Grunde von jeder Menge freier Fläche umgeben war. Der Zwerg legte nicht viel wert auf Heimlichkeit und umkreiste das Gelände einige Male. Ich schickte einen Skimmer los, nach versteckten und weniger versteckten Überwachungs- und Abwehrgerät suchen, fand aber bis auf zwei Kameras am Eingang nichts. Der Zwerg hatte wohl mittlerweile einen Decker bemüht und sich detailierte Blaupausen schicken lassen, denn als er zurück zu uns kam, glichen wir die nicht sehr groben, aber auch nicht sehr genauen Pläne vom Johnson mit den richtigen Blaupausen ab. Es war wirklich ein Spaziergang. Im Gebäude 5-6 Wissenschaftler, 4-5 Wachleute und dann noch am Tor ein weiterer Wachmann. Wir diskutieren lange herum, in welcher Form man dort einsteigen, für einen Unfall sorgen und unbemerkt wieder heraus kommen könnte. Wir hatten nach einiger Planung und einigen Witzen auf Kosten des Zwerges einen viel nicht perfekten, aber doch annehmbaren Plan. Der Zwerg orderte über einen Kontakt einen Zwei-Komponenten-Sprengstoff in geringer Menge, da wir es wie ein illegales chemisches Experiment aussehen lassen wollten. Warum, weiß ich noch immer nicht, da in dem Laden theoretische Physik betrieben wurde, nichts mit Experimenten. Aber ich hab nur genickt. Der Spezialsprengstoff sollte auch nur in ausreichender Menge vor Ort sein, damit es danach aussah. In die Luft jagen wollten wir dann alles mit herkömmlichen Sprengstoff. Gefiel mir nicht, da jeder kleine Cop, der mit einem Chemo-Scanner umgehen kann auch die Spuren des normalen Sprengstoffs finden würde, egal wie offensichtlich die Überreste des Zauberzeugs vom Zwerg waren. Aber ich wurde überstimmt und hab' die Klappe gehalten.
Wir wollten dann am nächsten Abend den Plan durchziehen und trennten uns. Ich wurde dann am nächsten Morgen recht unsanft durch einen Anruf geweckt. Krownik. Ob ich die News gehört hätte. Der Schuppen, den wir hochjagen sollten, war bereits nur noch Konfetti. Jemand war uns zuvorgekommen. Ich war.. nicht sauer. auch nicht direkt überrascht. Aber es machte mich doch gehörig nervös. Hatte uns der Johnson gelinkt? Wir vereinbarten, uns mit dem Zwerg zu treffen. Krownik würde etwas später kommen, damit er den Zwerg versteckt sondieren konnte, weil nicht nur er so einen Verdacht hatte.
Wir wollten uns im "Palms Garden" treffen, einem Yuppie-Treff. Aber das passte dem Zwerg dann nicht. Als wir dort ankamen - ich sammelte die Jungs auf dem Weg ein - stand der Zwerg neben seiner Maschine, winkte uns aber zu sich. Er zischte uns zu, das der dort nicht reingehen würde, da er dort auffallen würde wie ein bunter Hund. Abstreiten konnte man die Tatsache nicht. Er deutete auf einen nicht allzu entfernten Club zu, der wohl eher für Runner geeignet schien. Wir setzten uns also an einen freien Tisch, nach dem wir den Laden betreten hatten. Wir auf der einen Seite des Tischs, der Zwerg auf der anderen. Er schien nervös bis gereizt, denn er hatte seine Schrotflinte auf dem Schoß liegen und hielt sie dabei locker umklammert. Erst wollte keiner den Anfang machen, aber dann brach es aus Ghost heraus, was er Scheiß sollte. Hugo tat so als wäre er die Unschuld vom Lande und stritt ab, zu wissen, worum es ging. Das Gespräch wurde ein wenig hitziger. Dann meldete sich Krownik per Comlink, natürlich ohne Huho es mitbekam. Er hatte ihn sondiert und rausbekommen, das Hugo es war. Warum konnte er nicht feststellen, aber das war in dem Moment auch egal. Streetdog fragte jetzt noch energischer was das sollte und das er wissen, das Hugo es war. Wieder wurde abgestritten. Einen kurzen Moment war Twist, der neben mir saß, in Gedanken versunken. Vermutlich tätigte er einen Com-Anruf, den plötzlich sprang er auf und halb über den Tisch. Dann ging alles sehr schnell. Er fuhr seine Sporne aus und wollte damit auf Hugo einstechen. Dieser schwenkte aber seine Pumpe herum und jagte nacheinander zwei Kugeln den Ork. Ich ließ mich schnell nach hinten kippen, um aus der Schußbahn zu kommen. Noch bevor ich mit dem Stuhl ganz umgekippt war, war es schon wieder ruhig, von dem Nachhallen der trockenen Schüsser der Pumpgung und den schnellen Feuerstößen zweier weiterer Waffen abgesehen. Als ich vorsichtig durch den Qualm schaute, sah ich, wie der Zwerg zusammengesunken auf seinem Stuhl hing, von Kugeln durchlöchert. Er röchelte noch schwach. Twist sah gar nicht mehr gut aus, er blutete aus zahlreichen Wunden. Ghost und Krownik, der mittlerweile dazu gekommen war, wuchteten ihn zur Tür heraus, während ich den lädierten Streetdog stützte. Wir verschwanden schnell im Bulldog und machten, das wir weg kamen. Nach kurzer Fahrt fuhr ich rechts ran und verarztete Streetdog und den noch immer blutenden Twist so gut es ging. Dann fuhr ich weiter, zu einer Schattenklinik. Nach dem wir die beiden dort abgesetzt hatten, brachte ich noch Krownik und Ghost heim und fuhr dann selbst zurück.

Wir wissen noch immer nicht, was genau los war. Warum Twist plötzlich durchgedreht ist, denn der liegt im künstlichen Koma, damit die Heilung schneller von statten geht. Oder warum Hugo überhaupt dieses linke Ding abgezogen hat. Genaueres wissen wir natürlich nicht, aber wir schätzen, das HTR-Team, was kurz nach unserem Verschwinden eintraf, dürfte nicht viel zum zusammenkleben gefunden haben, um ihn wiederzubeleben. Schlecht wäre es nicht. Besser als ein 1.40m großer Racheengel, der plötzlich axtschwingend vor meinem Bett auftaucht und mit irrem Grinsen Hackfleisch aus mir macht.


Over and out.
29.4.07 11:20
 


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